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Es kann nur miteinander gelingen

Die SG Bornheim unterstützt Flüchtlinge auf ganz besondere Weise

Bornheim (jf) – Der neue Kunstrasenplatz auf dem Gelände zwischen Berger Straße und Seckbacher Landstraße leuchtet in frischem Grün, auf dem kleinen Platz dahinter steht ein Bagger. Der Blick des Ehrenpräsidenten Klaus Schmidt ist ein bisschen sorgenvoll: Ob der Platz bis zum Jubiläum am 17. Oktober fertig wird? Denn das will die SG Bornheim 1945 e.V. Grün-Weiß, die vor 70 Jahren gegründet wurde, groß feiern.

Doch an diesem Mittwoch Ende September geht es um ganz andere Fragen. Harald Seehausen, Vorstandssprecher und Initiator des 2007 eröffneten Kinder- und Familienzentrums (KiFaZ), hat zu einer besonderen Runde eingeladen. Khadija Souieh, Integrationslotsin, Anja Dörrbecker, die das KiFaZ mit aufgebaut hat, und Mohamed E. sitzen mit am Tisch im Konferenzzimmer des Zentrums.

„Wir beraten elf syrische Flüchtlinge“, leitet Seehausen das Gespräch ein. Fast alle haben ein dreijähriges Aufenthaltsrecht, die Asylverfahren sind also abgeschlossen. Und der Verein hat mit der Stadtverwaltung abgestimmt, dass er sich um die Flüchtlinge kümmert.

Wie es zu diesem Kontakt kam, ist schnell erzählt: „Es hat mit dem internationalen Kochen zu tun. Khadija Souieh kam auf die Idee. Wir haben 52 Nationalitäten in unserem Sportverein, warum also nicht gemeinsam kochen und gemeinsam essen? Seit März 2014 machen wir das so.“ Im April 2015 standen plötzlich neun hungrige junge Männer in der Tür, sie wurden eingeladen, nach dem Essen hat man gemeinsam Fußball gespielt. Eigentlich die einfachste Sache der Welt. Die SG Bornheim hat sich so als einer der ersten Sportvereine um Flüchtlinge bemüht. Mohamed sitzt dabei und schweigt, seit Oktober 2014 ist er in Deutschland, versteht noch nicht viel in dieser Sprache. Khadija Souieh übersetzt ins Arabische, Mohamed nickt. „Danke für Tür aufmachen“, sagt er zu Harald Seehausen. Er freue sich, dass er hier sein darf, übersetzt Souieh. Mohamed teilt sein Zimmer in einem Wohnheim mit einem weiteren Flüchtling. Kurz erzählt er von seiner Flucht: Sieben Tage war er zu Fuß durch die Sahara unterwegs, dann fuhren sie, 30 Personen, in einem kleinen Auto nach Libyen, mit dem Boot, auf dem 250 Menschen waren, ging es auf das Mittelmeer. Das Boot war kaputt. Ein griechisches Schiff rettete alle, Männer, Frauen und Kinder. „Es war ein Zufall und ein Glück“, dolmetscht Khadija Souieh. So kam Mohamed mit den Flüchtlingen nach Italien. „Meine Mutter ist gestorben, die Familie lebt noch in Syrien“, sagt er knapp. Es fällt ihm sichtlich schwer, über diese Flucht zu sprechen. „Wir wollen Mohamed nicht verletzen“, bittet Harald Seehausen zu übersetzen. Mohamed nickt.

Der 23-Jährige hatte 2010 in Syrien die Schule beendet, anschließend Kopierer repariert, das geht aus einem Papier hervor. Als der Krieg ausbrach, kümmerte er sich um Kinder, deren Eltern im Bürgerkrieg ums Leben kamen. Hier hat er als Erzieher schwierige Situationen im Umgang mit den Kindern erfahren. Genau das will er weiter tun, als Erzieher arbeiten, vielleicht sogar studieren. Gegenwärtig besucht er dienstags, mittwochs und freitags zwischen 18 Uhr und 21 Uhr einen Integrationskurs. Und ist froh, wenn er aus dem Wohnheim rauskommt, die Langeweile setzt ihm zu.

Harald Seehausen betont: „Als Sportverein möchten wir helfen. Das gemeinsame Kochen ist eine Geschichte, aber es geht um mehr. Doch dafür brauchen wir rechtliche Grundlagen. Können Flüchtlinge ehrenamtlich arbeiten? Tätigkeiten auf dem Platz übernehmen? Vielleicht Praktika in Betrieben machen?“ „Da gibt es beispielsweise die Zusage von zwei Einzelhändlern, die Praktika für Flüchtlinge anbieten würden. Und warum sollten wir nicht die Marktbetriebe einbeziehen? Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Markthändler über Hilfe freuen“, schaltet sich Klaus Schmidt ein. „Wir werden auch mit dem Gewerbeverein sprechen“, sagt er.

Anja Dörrbecker hat die ganze Zeit aufmerksam zugehört. Sie kommt ebenfalls aus dem Erziehungsbereich, wie Mohamed. Die ausgebildete Erzieherin hat zudem soziale Arbeit studiert. „Es geht mir darum, nicht nur über soziales Miteinander zu reden, sondern ich möchte selbst etwas tun. Meine beiden Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, nun habe ich eine Miniwohnung frei. Die könnte ich beispielsweise Mohamed anbieten“, erklärt sie. Khadija Souieh übersetzt, Mohamed lächelt. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, Anja Dörrbecker gibt zu, dass sie auch ein bisschen Angst hat. Vor dem Gerede der Nachbarn etwa? „Ach, die Bernemer schwätzen eh, das ist mir nicht wichtig“, lacht Dörrbecker. Sorgen macht sie sich um andere Dinge: Wie kommen zwei Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen miteinander aus, wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen? Und wo bleibt für die Personen die Rechtssicherheit? Es gibt einiges, das vorab geklärt werden muss.

Harald Seehausen nickt. Und hat schon wieder Visionen: „Es wäre doch toll, wenn Mohamed beim pädagogischen Mittagstisch mithelfen könnte. 19 Kinder betreuen wir zurzeit. Und wichtig ist auch die Begleitung der Kinder auf den Platz und wieder zurück zu den Unterkünften. Einer, der Arabisch spricht, kann Vertrauen aufbauen.“ An dieser Stelle schaltet sich Khadija Souieh ein: „Es gibt so viel Beratungsbedarf, ich helfe beim Übersetzen, wo ich kann. Ein Dolmetscher muss bezahlt werden, ich mache das ehrenamtlich und aus ganzem Herzen. Weil mir der Verein geholfen hat und ich etwas zurückgeben will.“ Es gibt viele Möglichkeiten, Flüchtlinge einzubeziehen. Die SG Bornheim redet nicht nur, sondern handelt. Und öffnet Türen.

Vielleicht gibt es ja bald Fußballmannschaften, in denen Flüchtlinge mitspielen. Ein Arabisch sprechender Trainer ist schon da. Und kicken macht Mohamed auch Spaß, auf dem Kunstrasenplatz zeigt er, dass er nicht zum ersten Mal mit einem Fußball umgeht. Und nach dem Gespräch beginnt nach kurzer Verständigung Mohamed mit den Kindern des pädagogischen Mittagstisches auf dem Sportplatz zu kicken.

Bornheimer WochenBlatt (Oktober)